Brandenburg

Frankfurt, oder?

Nur die Oder trennt das deutsche Frankfurt vom polnischen Słubice. Michael Kurzwelly hat aus beiden Städten „Słubfurt“ gemacht.

Adam Poholski (l.) und Michael Kurzwelly (r.) sind die beiden Köpfe hinter Słubfurt

Kaum dreihundert Schritte sind es von Frankfurt an der Oder nach Słubice. Auf der anderen Seite des Flusses ist ein anderes Land, mit anderer Sprache, anderer Währung, anderen Geschwindigkeitsbegrenzungen. Als der Künstler Michael Kurzwelly Ende der Neunziger nach Frankfurt kam, gab es an beiden Enden der Brücke noch bewaffnete Grenzposten.

Die deutsch-polnische Freundschaft bestand darin, dass die Geschäfte in Frankfurt auf Polnisch darauf hinwiesen, dass jeder Diebstahl zur Anzeige gebracht werde. Wer Polnisch sprach, machte sich verdächtig, deshalb flüsterte man lieber. Ende der Neunziger galt die Stadt als rechte Schlägerhochburg. Viele Menschen waren arbeitslos, viele verließen die Stadt. Seit der Wende ist die EinwohnerInnenzahl um ein Drittel geschrumpft.

Słubice + Frankfurt = Słubfurt

Trotzdem hat Kurzwelly, der Wessi, den Versuch unternommen, die beiden Städte zusammenzudenken. Der Liebe wegen ist er früher von Bonn nach Posen gezogen, lernte Polnisch, blieb aber immer „der Deutsche“. In Frankfurt dann war er, der nun fließend Polnisch sprach, plötzlich „der Pole“. Das musste doch auch anders gehen: Słubice in Polen und Frankfurt in Deutschland wurden in seinem Kopf zu Słubfurt. Eine Stadt, die gleichzeitig in beiden Ländern liegt.

Aus seiner Vorstellung hat Kurzwelly vor 19 Jahren ein Kunstprojekt gemacht, später einen Verein. Einen, der die deutsch-polnische Beziehung konsequent durchspielt: Słubfurt ist im Register europäischer Städte eingetragen, hat eine eigene Sprache, eine eigene Währung – den Słubfurter – und ein eigenes Parlament. Es gibt einen gedruckten Stadtführer, eine zweisprachige Stadtchronik, eine zweisprachige Tageszeitung, zweisprachige Broschüren und Sticker mit dem Stadtwappen: einem Hahn auf einem Ei.

In dieser alten Turnhalle in Frankfurt nicht weit von der Oder hat Słubfurt seinen Experimentierraum gefunden

Im Wesentlichen ist Słubfurt derzeit aber nur eine alte Turnhalle in Frankfurt, einen Häuserblock von der Oder entfernt. Die Stadt hat sie Kurzwelly für sein Kunstprojekt zur Verfügung gestellt. Eine Heizung gibt es nur im Klo, weil sonst im Winter das Spülwasser gefriert. Kurzwelly, verschlissenes Jackett, das graue Haar unter einer arabischen Gebetsmütze gebändigt, sitzt mit seinem Mitstreiter Adam Poholski in einer schmalen Küche, die den Słubfurtern gleichzeitig als Sitzungsraum dient. Poholski wohnt in Słubice, ist aber seit fast zehn Jahren überzeugter Słubfurter und mittlerweile Vorsitzender des Vereins. Słubfurter wird man durch Geburt, Zuzug und Integration – oder indem man einen Antrag auf Einbürgerung stellt. Ungefähr hundert sollen es im Moment sein. Man müsste mal nachzählen, sagt Poholski.

Słubfurt ist eine Wirklichkeitskonstruktion, aber was anderes sind denn die Nationalstaaten Deutschland und Polen?“

– Michael Kurzwelly

Der Sitzungsraum ist das „Labor für die Gestaltung von Stadtraum“, wie Kurzwelly sagt. Słubfurt lebt von Projekt zu Projekt, jedes Mal muss er neue Gelder beschaffen. Von der Stadt, vom Staat, von der EU. Ganz reales Geld. Bürokratie und Grenzen gibt es nur da draußen, nicht aber in Słubfurt.

Einmal, 2009, gab es in Słubfurt eine Kommunalwahl. Sieben Parteien traten an. Wie viel Stadtverordnete zu sagen hatten, war abhängig von dem Stimmenanteil ihrer Partei. Ganz wie bei einer richtigen Wahl also. Das war ihnen zu kompliziert. Deshalb ist man zu einem einfacheren System übergegangen: In unregelmäßigen Abständen tagt das Parlament abwechselnd in den Rathäusern von Słubice und Frankfurt. Wer kommt, ist ParlamentarierIn und hat eine Stimme. Direkte Demokratie, es kann so einfach sein.

Was soll das alles?

Wenn Kurzwelly merkt, dass sein Gegenüber droht, den Überblick zu verlieren oder die Frage zu stellen, was das alles soll, holt er aus. Dann breitet er die Arme aus, hebt die Stimme und schaut erhaben drein. „Słubfurt ist eine Wirklichkeitskonstruktion, aber was anderes sind denn die Nationalstaaten Deutschland und Polen?“, fragt er.

Der Verein begnügt sich längst nicht mehr damit, mit Begriffen zu experimentieren. Das Kunstprojekt ist zu einem Integrationsprojekt geworden. Es gibt eine afghanische Fußballmannschaft, die wöchentlich in der Halle trainiert. Die muslimische Gemeinde nutzt die Turnhalle für ihr Freitagsgebet. Das hölzerne Schachspiel im Garten haben Menschen mit geistiger Behinderung gebaut. „Słubfurt provoziert im positiven Sinn“, sagt Kurzwelly, „indem wir Dinge vorausdenken, an die andere noch nicht denken.“

Michael Kurzwelly in Słubfurt, wo er seine Projekte plant und umsetzt

Kurzwellys Ideen ecken an – nicht nur positiv. Er erzählt von Vorwürfen, die ihm aus der Stadtbevölkerung gemacht werden. Er sei ein Idiot, ein Spinner. Ein anonymer Anrufer habe gar mal gemeint, er solle „standrechtlich erschossen werden“. Von der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“ bekam er eine Postkarte, in der stand, Vaterlandsverräter wie er sollten das Land verlassen.

Vieles von dem, was Michael Kurzwelly sagt und tut, klingt überspitzt, ironisch, abgefahren. Solange es seiner Sache dient. Doch manchmal werden seine Ideen von der Realität eingeholt. 2008 hat er sich eine zweite Brücke über die Oder ausgemalt, wie die Ponte Vecchio in Florenz sollte sie aussehen. Heute diskutieren sie in Frankfurt und Słubice tatsächlich darüber, ob es eine zweite Brücke über die Oder geben sollte. Die meisten Słubicer wollen sie, weil sie den Verkehr durch die Stadt entlasten würde. In der Frankfurter Bevölkerung gibt es noch Vorbehalte, weil das Bauwerk die chronisch klamme Stadt weiter belasten würde.

Blick von Słubice nach Frankfurt – links die Brücke über die Oder, die beide Städte verbindet

Sind Frankfurt und Słubice also längst zu Słubfurt geworden? Studierende aus ganz Europa kommen nach Frankfurt, um an der Viadrina-Universität zu studieren, die Uni hat Institute und Wohnheime auf beiden Seiten der Oder. Es soll ein gemeinsames Schwimmbad gebaut werden. Und vielleicht eben die zweite Oderbrücke. René Wilke, der neu gewählte Bürgermeister (Die Linke), nannte Frankfurt und Słubice in seiner Rede zur Amtseinführung „ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die europäische Idee“. Überall prangt das Logo des Stadtmarketings. Frankfurt und Słubice. Bez granic. Ohne Grenzen.

Słubfurt provoziert im positiven Sinn, indem wir Dinge vorausdenken, an die andere noch nicht denken.“

– Michael Kurzwelly

Kurzer Realitätscheck: Die wenigsten Studierenden wohnen in Frankfurt, am Abend nach den Vorlesungen fahren sie wieder weg. Der Regionalexpress braucht eine Stunde nach Berlin. Deshalb wirkt die breite Hauptstraße, die durch die Stadt führt – vorbei am Lichtspieltheater der Jugend, das seit 20 Jahren vor sich hin rottet – nach Sonnenuntergang wie ausgestorben. Nur ein paar Kids lungern auf Parkbänken im Schatten eines Kauflands herum.

Der Basar, die billigen Zigaretten und die 24-Stunden-Kioske –  dafür gehen die meisten Frankfurter über die Brücke nach Słubice

Und wer von Frankfurt nach Słubice geht, tut das meistens, um in den 24-Stunden-Kiosken billig Zigaretten zu kaufen. 800 Stück sind erlaubt. Die Polen kommen über die Brücke, um zu arbeiten. Weil die Arbeit in Deutschland besser bezahlt ist. Die Alten hegen oft noch einen hartnäckigen Groll gegen Deutsche. Die Jungen fragen sich, was sie da drüben sollen, wo es auch nicht viel mehr gibt als in Słubice. Sie schauen nach Berlin. Oder in die andere Richtung, nach Warschau.

Und dann ist da noch ein Problem: Auch wenn Kurzwelly behauptet, der Name Słubfurt habe sich auf beiden Seiten der Oder etabliert, verirrt sich kaum jemand aus der Stadt in die Turnhalle. Immer, wenn eine Veranstaltung ansteht, verteilt Kurzwelly Einladungen an die Nachbarn, die ringsum in den mehrstöckigen Mehrfamilienhäusern hinter ihren Fenstern sitzen und skeptisch beobachten, was da drüben schon wieder vor sich geht. Hin und wieder komme jemand vorbei, sagt Kurzwelly. Aber nur „zum Gucken“.

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von Dominik Wolf